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Von der Spielphilosophie zur Trainingsform

Fußballlehrheft

  • Trainerorientierte Spielphilosophie

  • Idealtypische Spielstruktur

  • Spieltaktische Prinzipien

  • Trainingsformen

  • Steuerungsmöglichkeiten

Autor: Steven Turek & Jonas Stephan

Redaktion: Peter Schreiner

Layout: Oliver Schreiner

Herausgeber: Institut für Jugendfußball

Seiten: 76

Abbildungen: 32

Vorwort von Steven Turek

 

Liebe Trainerinnen, Liebe Trainer,

 

im Zeitalter moderner Medien ist es für Fußballtrainer ein Leichtes, sich für sein Training inspirieren zu lassen. Unterschiedlichste Trainingsformen finden sich in Internet, Büchern, Zeitschriften und Fortbildungen. Dabei stellt sich aber immer die Frage, welche Inhalte auf welche Weise zu mir und meiner Mannschaft passen.

Genau diese Fragestellung bildete den Ausgangspunkt für ein Projekt im Rahmen unseres Bachelorstudiums. Innerhalb eines Jahres beobachteten wir unzählige Profitrainingseinheiten, studierten relevante Literatur und führten viele Interviews mit aktuellen und ehemaligen Profitrainern. Das Ergebnis war eine ausführliche Projektarbeit mit dem Titel „Profifußball in der zunehmenden Professionalisierung – trainieren jetzt alle gleich?“.

Um die Ergebnisse dieser Arbeit für unsere Kolleginnen und Kollegen sowie Interessierte zugänglich zu machen, verfassten wir dieses Buch. Wir beschreiben damit den kompletten Weg von einer Spielphilosophie bis hin zur konkreten Trainingsform - mit vielen Beispielen und Praxistipps.

Wir bedankten uns bei allen, die ihre wertvolle Zeit geopfert haben, um sich mit zwei jungen Trainerkollegen zu unterhalten. Darüber hinaus danken wir der Universität Hildesheim, die es uns ermöglicht hat, unsere persönliche Leidenschaft mit wissenschaftlichen Fragestellungen in Einklang zu bringen.

 

Abschließend wünschen wir Ihnen viel Spaß auf dem Weg von der Spielphilosophie bis zur Trainingsform. Entwickeln Sie Ihre Spielphilosophie!

Viel Spaß beim Lesen wünschen Steven Turek & Jonas Stephan

Von der Spielphilosophie zur Trainingsform (Ausschnitt)

Die Trainerorientierte Spielphilosophie

Laut Duden ist eine Philosophie, die persönliche Art und Weise das Leben und die Dinge zu betrachten. Überträgt man diese Definition auf den Fußball, bezeichnet sie eine Art und Weise den Fußball zu betrachten. Die Spielphilosophie wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Hierzu zählt die Erfahrung des Trainers. Erfahrung bezeichnet das reflektierte Erleben unzähliger Situationen als Spieler oder Trainer, wodurch sie in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Fachwissen steht. Das Fachwissen ist die Basis, um Erfahrungen einordnen und reflektieren zu können. Sie muss des Weiteren durch Trends und Fortbildungen des modernen Fußballs ergänzt werden, um sicherzustellen, dass der Trainer nicht „der Zeit hinterherläuft“. Eine weitere Quelle für neue Informationen ist der Austausch mit Trainerkollegen, Spielern und weiteren Personen. Jeder Trainer muss entscheiden, welche Informationen er für seine Philosophie nutzen kann, und welche er nicht benötigt.

Tipp: Vergessen Sie bei allem Fachwissen nicht, dass Sie immer Sie selbst bleiben. Auch ein Trainer muss sich in seiner Rolle wohl fühlen. Können sie diese Authentizität, mit dem ständigen Willen sich weiterzubilden, kombinieren, sind Sie auf dem Weg ein besserer Trainer zu werden!

Jeder Trainer entstammt des Weiteren einer Fußballkultur, die er mehr oder weniger bewusst wahrnimmt. Ein Trainer, der in den Niederlanden aufgewachsen ist, hat automatisch eine ganz andere Spielphilosophie als ein Trainer aus Süddeutschland. Dabei ist es wichtig, sich dieser Prägung bewusst zu sein, um sich für neue Inhalte öffnen zu können. Des Weiteren muss die Spielphilosophie in einem Zusammenhang mit dem Umfeld stehen. So liegen die Schwerpunkte eines Herren-Regionalliga-Trainers auf anderen Gebieten als die eines B-Jugend-Bundesliga-Trainers. Auch das Vereinsumfeld kann ein solcher Faktor sein. Das Wissen um diese Einflussfaktoren ermöglicht es dem Trainer, seine Philosophie anzupassen, und trotzdem authentisch zu bleiben.

"My way of working is different - doesn't make it right - doesn't make it wrong either" - Brendan Rodgers

Beispiel I: 4 gegen 2

Ablauf: In einem 10x10m großen Feld wird 4 gegen 2 auf Ballhalten gespielt. Erobert einer der blauen Spieler den Ball, tauscht er die Position mit dem Spieler, der für den Ballverlust verantwortlich ist. Ein Spieler der roten Mannschaft hat maximal zwei Kontakte. Schafft die rote Mannschaft 10 Pässe, ohne dass die blaue Mannschaft an den Ball kommt, muss die blaue Mannschaft eine „Extrarunde“ absolvieren.

 

Coaching: Rot versucht den Ballbesitz zu erhalten und möglichst viele vertikale Schnittstellenpässe zu spielen. Schwerpunkt liegt auf dem 2-Kontaktspiel und damit auf der Ballannahme. Der erste Kontakt liegt niemals „tot“ am eigenen Fuß und wird immer vom Gegner weggelegt. Spieler in Ballerwartung bewegen sich immer aus dem Deckungsschatten der Gegner und sind anspielbar. Ein Entgegenkommen soll aber vermieden werden.

Blau verteidigt strategisch. Pässe zwischen ihnen hindurch, sollen

verhindert werden (im Spiel würde dann eine Reihe überspielt werden). Durch geschicktes Anlaufen versuchen sie, die Überzahl zu reduzieren. Ebenfalls wird Blau für Pressingauslöser sensibilisiert; sie versuchen den Ball nach einem technischen Fehler zu erobern und sich während der Pässe zu bewegen. 

 

Variationen: Wird ein Pass zwischen den beiden blauen Spielern hindurch gespielt, müssen sie eine „Extrarunde“ absolvieren (Motivation zum Stichpass bzw. zum Schließen des Zentrums).

Begrenzung auf einen Ballkontakt (offensiv schwerer).

Es ist nicht erlaubt, zu dem Spieler zurückzuspielen, der einen angespielt hat (Spiel über den Dritten).

Spielerzahl/Feldgröße variieren (5 gegen 2; 6 gegen 2 etc.).

4 gegen 2 Balljagd

Ablauf: In einem 10x10m großen Feld wird 4 gegen 2 wechselnde Pärchen gespielt. Beide blaue Pärchen haben eine Startmarkierung außerhalb des Feldes. Mit dem Anspiel des Trainers auf die rote Mannschaft versucht ein blaues Pärchen den Ball zu erobern (ein Ablenken des Balles reicht). Schafft die rote Mannschaft vier Pässe, ohne dass die blauen Spieler den Ball berühren, sprintet das Pärchen wieder aus dem Feld heraus, und das andere blaue Pärchen versucht den Ball zu erobern. Bei einer Ballberührung wechselt das Pärchen mit zwei roten Spielern die Aufgabenstellung.

 

Coaching: Rot versucht den Ballbesitz zu halten (s. TF oben). Auf dem defensiven blauen Team liegt der Schwerpunkt. Durch den erhöhten Zeitdruck (sie haben nur 4 Pässe „Zeit“ den Ball zu berühren) muss das blaue Pärchen mit vollem Tempo anlaufen. Ein abwartendes, strategisches Verteidigen führt zu keinem Erfolgserlebnis. Simuliert wird wahlweise ein kurzes aggressives

Gegenpressing nach Ballverlust (der Pass des Trainers wird als Fehlpass gesehen) oder ein Anlaufen der Stürmer im Angriffspressing. Besonderes Augenmerk liegt auf der Mentalität. Der Trainer ist gefragt, seine Spieler auch nach mehreren Misserfolgen weiter zu „pushen“ bzw. Eigenmotivation gegen Widerstände einzufordern.

 

Variationen: Änderung der Feldgröße, (größer: offensive leichter, defensiv schwerer) Anzahl der Kontakte (mehr/weniger) und Anzahl der Pässe (leichter/schwerer)

Belohnungen und Bestrafungen einführen (Anreize und Motivation schaffen).

Aufbau zweimal nutzen. Der Ball wird nach 4 Pässen in das andere Feld verlagert (zusätzliche Schwerpunkte der Spielverlagerung).

Beispiel II - 6 gegen 0 Flankenspiel

Ablauf: Die beiden zentralen Mittelfeldspieler, der 10er, sowie die drei offensiven Spieler besetzen ihre Positionen entsprechend der Abbildung. Es werden Kombinationen bis zum Torabschluss durchgespielt. Alle Kombinationen laufen über den Flügel, wo der Flügelspieler ein gegnerüberwindendes Dribbling absolviert. 

 

Coaching: Abgeleitet aus dem Wettspiel werden alle technischen und taktischen Merkmale trainiert. So sind vor allem die Stellungen zum Ball, die Abstände untereinander, sowie die Passqualität von erhöhter Bedeutung. Des Weiteren spielt das Timing eine große Rolle. Für das gezeichnete Beispiel bedeutet das Folgendes: Der erste Pass wird auf den 10er gespielt. Dieser Pass wird bereits leicht zur linken Seite gespielt, um eine Weiterleitung auf die nächste Position zu vereinfachen. Mit diesem Pass löst sich der Flügelspieler bereits mit einer Auftaktaktion und wird leicht in den Vorlauf

angespielt. Der Flügelspieler kann nun seine Täuschungsbewegung durchführen und dann das Tempo steigern. Die beiden Stürmer starten jetzt bereits auf den kurzen und langen Pfosten. Die Flanke wird flach auf die erste Position oder hoch auf die zweite Position, am langen Pfosten, gespielt. Der Abschluss erfolgt mit einem Kontakt. 

 

Variationen: Kombinationen, die den gegnerischen Außenverteidiger direkt überspielen (Flanke muss direkt aus dem Lauf gespielt werden).

6 gegen 0 gegengleich

Ablauf: Zwei Mannschaften stellen sich entsprechend der Abbildung auf. Rot sind die offensiven Positionen (Mittelfeld und Sturm). Blau ist im Spielaufbau (Abwehr und Mittelfeld). Beide Mannschaften spielen gleichzeitig Kombinationen bis zum Torabschluss.

 

Coaching: Durch die Behinderung einer anderen Mannschaft kommt es zu spielnahen Abläufen. Spielern wird eine Kombination vorgegeben (mit vorgegebenen Freilaufbewegungen). Sie müssen jedoch jede Situation erkennen und neu einschätzen. Die Spieler müssen aktiv die Passwege offen halten. Dazu sind Ausweichbewegungen (horizontal und vertikal) notwendig. Somit steht die spielnahe Umsetzung im Vordergrund, weniger die schulbuchmäßige Technik. Zum Beispiel können, wenn es zweckmäßig ist, Pässe auch mit der Außenseite gespielt werden. Des Weiteren könnte es notwendig sein, den Ball mit einem kurzen Dribbling zu bewegen, um einen Passweg zu öffnen.

Variationen: Beide Mannschaften treten im Wettbewerb gegeneinander an (welche Mannschaft schafft zuerst den Torabschluss, nach gleichzeitig mindestens fünf Pässen?).

Nach einem Abschluss wechseln die Aufgaben (Rot spielt im nächsten Durchgang den Spielaufbau, Blau spielt auf das Großtor mit Torhüter).